Carl Millöcker (1842–1899)

Carl Joseph Millöcker, auch Karl Millöcker geschrieben, kam am in der Wiener Vorstadt Laimgrube zur Welt und starb am in Baden bei Wien [3]. Er war der Sohn des Goldarbeiters Carl Franz Millöcker und dessen Frau Maria Laber [4]. Der Beruf des Sohnes schien damit festzustehen. Das Österreichische Biographische Lexikon hält jedoch fest, dass er zwar ebenfalls für das Goldschmiedehandwerk vorgesehen war, aber von bis ein Flötenstudium am Konservatorium der Gesellschaft der Musikfreunde durchsetzen konnte [1].
Die musikalische Ausbildung setzte sich aus vielen Teilen zusammen. Mit neun Jahren erhielt er ersten Flötenunterricht. Den ersten Harmonielehre-Unterricht gab ihm Josef Laimegger, der Direktor des Wiener Landesgerichtsarchivs; später studierte er Komposition bei Suppé [2]. Gänzl ergänzt, dass Millöcker das Klavierspiel aus Büchern erlernte und zunächst nur halbherzig für seinen Vater arbeitete [6]. Mit 16 Jahren wurde er zweiter Flötist am Theater in der Josefstadt, später spielte er auch im Burgtheater und im Theater an der Wien [2]. Der Orchestergraben war seine eigentliche Schule. Hier lernte er das Theaterhandwerk von Grund auf, und hier fand er in Suppé einen einflussreichen Förderer.
Einleitung
Wer an die «Goldene Ära» der Wiener Operette denkt, hat meist Johann Strauss und Franz von Suppé vor Augen. Der Name des dritten Meisters dieser Zeit ist weniger bekannt, obwohl seine Melodien bis heute gespielt werden: Carl Millöcker. Er gilt neben Strauss und Suppé als dritter «Klassiker» der Wiener Operette [12]. Auch in der englischsprachigen Forschung wird er so gesehen: Kurt Gänzl beschreibt ihn als Teil jenes Wiener Komponisten-Trios, auf das der Grossteil der herausragenden Operetten der österreichischen Bühne des 19. Jahrhunderts zurückgeht [6].
Wanderjahre als Kapellmeister
Die folgenden Jahre waren unruhig. Durch Suppés Vermittlung wurde Millöcker im Herbst zweiter Kapellmeister am Thalia-Theater in Graz. Dort schrieb er neben Liedern und Possenmusiken seine ersten beiden Operetten, Der todte Gast und Die lustigen Binder [2]. Als das Grazer Theater schloss, kehrte er nach Wien zurück. Der erste Versuch am Theater an der Wien scheiterte schnell: Nach drei Monaten wurde er wegen Differenzen mit Sängern und Orchester entlassen [2]. Das Biographische Lexikon formuliert noch schärfer, er sei nach wenigen Monaten als «unbrauchbar» entlassen worden [1].
Privat brachte diese Zeit ebenfalls Umbrüche. Gänzl berichtet, Millöcker habe Graz Ende zusammen mit der Hauptdarstellerin des Theaters, Fräulein Kling, verlassen, die inzwischen seine Frau geworden war [6]. Nach dem Scheitern am Theater an der Wien wechselte er an das kleinere Harmonietheater. Dort lernte er Ludwig Anzengruber kennen, brachte den Einakter Diana heraus und vollendete ein gemeinsames Werk mit Anzengruber, das wegen der Finanznot des Hauses jedoch nie aufgeführt wurde [7]. Wie lange Millöckers Musik mitunter auf ihre Zeit warten musste, zeigt ein Nachspiel: Anzengrubers Einakter Der Sackpfeifer mit Millöckers Musik wurde erst am in Strasshof uraufgeführt [9]. / arbeitete Millöcker als Kapellmeister am Deutschen Theater in Pest [1]. Dort erlebte er mit Die Fraueninsel die erste Aufführung einer abendfüllenden Partitur aus seiner Feder, einer Neuvertonung des berühmten Ausstattungsstücks der Brüder Cogniard [6].
Die Schule der Posse am Theater an der Wien
Die entscheidende Wende kam . Nach der Schliessung des Pester Theaters kehrte Millöcker nach Wien zurück und wurde erneut Kapellmeister am Theater an der Wien. Er blieb dort, bis ihm der Erfolg des Bettelstudenten ein Leben als freischaffender Komponist ermöglichte [1]. Diese Jahre waren von Routinearbeit geprägt. Nach Gänzl lieferte er Musik für eine grosse Bandbreite von Stücken: Revuen, Schauspiele, Singspiele und Possen, vor allem aus der Feder der erfolgreichen Autoren Alois Berla, O. F. Berg und Karl Costa [6].
Diese Arbeit brachte Millöcker früh eigene Erfolge. Die musikalische Komödie Drei Paar Schuhe von wurde oft wiederaufgenommen und brachte ihm zwei echte Schlager ein. Die Revue Erinnerung an bessere Zeiten () führte zudem Alexander Girardi am Theater an der Wien ein [6]. Girardi wurde später zum wichtigsten Interpreten der Wiener Operette. In der Posse lernte Millöcker, volkstümliche Melodik, Wiener Dialekt und die Wirkung auf ein breites Publikum zu verbinden. Diese Fähigkeiten bestimmten später auch seine grossen Operetten.
Der Weg zur grossen Operette
Das Vorbild für den Schritt zur grossen Form gab Strauss. Gänzl schreibt, dass Millöcker , ermutigt durch den Erfolg der Fledermaus, mit Das verwunschene Schloss erstmals einer vollgültigen Operette nahekam. Mit Girardi und Josefine Gallmeyer in den Hauptrollen wurde das Werk ein internationaler Erfolg, und Millöcker widmete sich von da an vor allem musikalisch gewichtigen Operetten [6].
Hier fällt eine Wertungsdifferenz zwischen den Quellen auf. Deutschsprachige Übersichten bezeichnen die Gräfin Dubarry von als äusserst beliebte Operette [12]. Gänzl hält dagegen fest, das Werk sei mit 27 Vorstellungen nur ein mässiger Erfolg gewesen, während Apajune, der Wassermann () und Die Jungfrau von Belleville () international gespielt wurden [6]. Die hohe Wertschätzung der Dubarry im deutschen Sprachraum beruht vermutlich vor allem auf ihrer Bearbeitung im 20. Jahrhundert, von der weiter unten die Rede ist.
Mit diesen Werken begann eine enge Zusammenarbeit mit den Librettisten Richard Genée und F. Zell. «F. Zell» war das Pseudonym von Camillo Walzel [8]. Das Duo schrieb ab die Texte zu Millöckers wichtigsten Werken. Sie entstanden fast alle am selben Ort: Millöcker schrieb 20 Bühnenwerke im Bereich der leichten Oper, von denen 14 am Theater an der Wien uraufgeführt wurden [9].
Der Bettelstudent (1882)
Millöckers grösster Triumph verdankt sich einem Zufall. Das Libretto von Zell und Genée war zuvor Johann Strauss angeboten worden, der jedoch ablehnte, was sich für Millöcker als Glücksfall erwies [11]. Strauss entschied sich stattdessen für Eine Nacht in Venedig [8]. Die komische Operette in drei Akten wurde am 6. Dezember 1882 im Theater an der Wien uraufgeführt [10].
Die Handlung spielt im Krakau des 18. Jahrhunderts. Oberst Ollendorf, der Militärgouverneur der Stadt, wird von der schönen, stolzen Laura, Tochter der Gräfin Palmatica, zurückgewiesen [11]. Um sich zu rächen, gibt er einen mittellosen Studenten als Fürsten aus. Aus dieser Verwechslung entwickelt sich eine Komödie der Irrungen, in der politische Verschwörung und Liebesgeschichte ineinandergreifen. Musikalisch sticht vor allem ein Lied heraus: Das Werk brachte einen der grössten Schlager der Wiener Operette hervor, den wiegenden Bariton-Walzer «Ach, ich hab' sie ja nur auf die Schulter geküsst» [6].
Der Erfolg war enorm und hielt lange an. Das Werk wurde zu einer der dauerhaft beliebtesten Operetten und erreichte mehr als 5.000 Produktionen [8]. Noch in der Saison 1990/91 gab es zwölf Inszenierungen in Deutschland, Österreich und der Schweiz mit zusammen rund 180.000 Besuchern [13]. Auch der Film nahm sich des Stoffes an: 1936 inszenierte Georg Jacoby eine Verfilmung mit Johannes Heesters, Carola Höhn und Marika Rökk [13].
Nach dem Triumph
Nach dem Bettelstudenten konnte Millöcker den Dirigentenberuf aufgeben. Die englischsprachige Wikipedia fügt jedoch hinzu, dass er danach nie wieder einen vergleichbaren Erfolg erzielte [5]. Dieses Urteil ist allerdings zu pauschal. Schon am 26. Januar 1884 folgte Gasparone [15], und Gänzl stellt fest, dass von nun an fast alle seiner Werke weltweit nachgespielt wurden: der abenteuerliche Gasparone, Der Feldprediger, der in Amerika als The Black Hussar populär war, sowie Der arme Jonathan, nach dem Bettelstudenten sein erfolgreichstes Stück [6].
Die Zeitumstände spielten dabei eine Rolle. Der Vizeadmiral etwa stand im Schatten von Strauss' Zigeunerbaron und erlebte zunächst nur 30 Aufführungen [6]. Die Konkurrenz mit Strauss prägte Millöckers Karriere also in beide Richtungen. Deutschsprachige Überblicke fassen zusammen, dass es Millöcker nie ganz gelang, aus dem Schatten von Strauss und Suppé herauszutreten [12].
Späte Jahre und Tod
Die letzten Jahre waren von Krankheit überschattet. Im Jahr der Uraufführung von Der Probekuss () erlitt Millöcker einen Schlaganfall. Danach entstand nur noch die zurückhaltend aufgenommene Operette Nordlicht () [6]. Den Sommer verbrachte er in Baden. Das Biographische Lexikon hält fest, dass er dort ein Haus besass und in der Sängerin Karoline Hofschneider eine Lebensgefährtin hatte [1]. Den grossen Garten des Hauses gestaltete er mit tropischen und mediterranen Pflanzen, und hier schrieb er die Musik zu seinen beiden letzten Operetten [3]. Aus derselben Quelle stammt auch der Hinweis, dass Millöcker Freimaurer war [3].
Am erlitt er einen Schlaganfall mit halbseitiger Lähmung, an dessen Folgen er am starb [3]. Er erlebte das neue Jahrhundert also um weniger als einen Tag nicht. Über den Tod von Strauss wenige Monate zuvor soll er gesagt haben: «Ach, dem Schani hätte ich den Jahrhundertwechsel noch gegönnt.» [14] Die Wiener Presse sah mit Millöckers Tod eine Epoche enden. Ein zeitgenössischer Nachruf bemerkte, mit ihm sei auch der letzte Name aus dem einst glänzenden Dreigestirn Suppé–Strauss–Millöcker erloschen [3]. Er wurde zunächst in Baden bestattet und später in ein Ehrengrab auf dem Wiener Zentralfriedhof (Gruppe 32 A, Nummer 35) umgebettet, dessen Grabdenkmal der Bildhauer Josef Tuch schuf [7].
Nachleben und Bearbeitungen
Millöckers Werke wurden im 20. Jahrhundert vor allem in Bearbeitungen weitergespielt. Das bekannteste Beispiel ist Die Dubarry. Die radikal überarbeitete Fassung stammt von Theo Mackeben, der Musik aus der originalen Gräfin Dubarry und aus anderen Werken verwendete. Den neuen Text schrieben Paul Knepler, Ignaz Michael Welleminsky und Hans Martin Cremer [16]. Die Neufassung wurde am 14. August 1931 im Berliner Admiralspalast uraufgeführt [17]. Mackeben fügte auch einen eigenen Titel hinzu, «Ich schenk mein Herz nur dir allein» [18]. Die Titelrolle sang Gitta Alpár, die damit in Berlin einen denkwürdigen Triumph feierte [16].
Ähnlich erging es Gasparone. Millöcker überarbeitete das Stück nach der Premiere selbst und schuf acht Fassungen. Die heute meistgespielte Aufführungsfassung stammt jedoch von Ernst Steffan aus dem Jahr 1932. Sie enthält «Dunkelrote Rosen», das Millöcker ursprünglich als Vokaltrio für Der Vizeadmiral geschrieben hatte [19]. In der Originalpartitur des Vizeadmirals trägt das Stück die Bezeichnung Terzettino und den Titel «Gehn wir in den Garten, atmen Blütenduft» [15]. Dass Millöckers bekanntestes Lied aus Gasparone eigentlich aus einem anderen Werk stammt, zeigt, wie frei spätere Generationen mit seinem Nachlass umgingen.
Auch in Wien selbst wird an ihn erinnert. Die Millöckergasse im 6. Bezirk wurde am 18. Januar 1900 nach ihm benannt. Sie hiess zuvor Theatergasse, nach dem Theater an der Wien [20]. Die Strasse trägt damit seinen Namen an dem Ort, an dem er die meisten seiner Werke herausbrachte.
Würdigung
Millöckers Werk ist ausserordentlich umfangreich. Das Musiklexikon verzeichnet rund 110 Bühnenwerke (Operetten, Singspiele, Possenmusiken), dazu Klavierstücke, etwa 90 Lieder, Tänze und Märsche für Orchester, Chöre und Kammermusik [2]. Er war Handwerker im besten Sinne: ein Theatermusiker, der Jahrzehnte lang für den Bedarf eines grossen Hauses komponierte, bevor er seinen eigenen Ton fand. Englischsprachige Quellen betonen diese Verwurzelung: Viele seiner Melodien wurden zu Walzern, Polkas und Märschen umgearbeitet, und manche davon gehören, wenn auch seltener gespielt, weiterhin zum Wiener Repertoire [21].
Warum steht Millöcker dennoch im Schatten von Strauss? Ein Teil der Antwort liegt in der Überlieferung. Seine erfolgreichsten Werke leben bis heute oft in Bearbeitungen weiter, und mit dem Bettelstudenten überstrahlt ein einziges Werk den Rest seines Schaffens. Der Blick auf seine Biographie zeigt aber einen Komponisten, der mit der Posse, der grossen Operette und der Zusammenarbeit mit Girardi und dem Duo Zell/Genée die Wiener Operette entscheidend mitgeprägt hat. Aus diesem Grund gehört er gleichberechtigt zum «Dreigestirn» der Goldenen Ära.
Stand: 11.10.2026