
Emmerich Kálmán (1882–1953)
Emmerich Kálmán, ungarisch Kálmán Imre, wurde am 24. Oktober 1882 als Imre Koppstein in Siófok am Plattensee im damaligen Österreich-Ungarn geboren; er starb am 30. Oktober 1953 in Paris.1 Sein Vater Karl Koppstein war ein jüdischer Getreidehändler, die Mutter hiess Paula, geborene Singer.2 1892 zog die Familie nach Budapest, wo er seinen Nachnamen bei der Aufnahmeprüfung am evangelischen Gymnasium am Deák Ferenc tér in Kálmán änderte.3
Der Weg zur Musik verlief über einen Umweg. Ab 1900 studierte Kálmán an der Universität Budapest Jura und schrieb sich parallel in die Kompositionsklasse von Hans Koessler an der Königlich Ungarischen Musikakademie ein — als Kommilitone unter anderem von Béla Bartók, Viktor Jacobi und Albert Szirmai.4 Bereits 1897 war er als Konzertpianist aufgetreten,5 doch eine früh einsetzende Erkrankung der Hand zwang ihn, sich statt auf die Pianistenlaufbahn auf das Komponieren zu konzentrieren.6
Ein Kritiker entdeckt das Kabarettlied
Kálmán begann durchaus als Komponist ernster Musik. Zeugnisse dafür sind das 1904 im Budapester Opernhaus gespielte Orchesterscherzo Saturnalia, die symphonische Dichtung Endre und Johanna (1905) und das Singspiel Das Erbe von Pereszlényi (1906); ein Stipendium führte ihn zu den Festspielen nach Bayreuth und München, von 1904 bis 1908 arbeitete er als Musikkritiker der Zeitung "Pesti Napló" und versah kurzzeitig den Dienst eines Advokaturskandidaten.7 1906 erhielt er den Robert-Volkmann-Preis, 1907 den Franz-Joseph-Preis der Stadt Budapest.8 Es war jedoch die Popularität seiner humoristischen Kabarettlieder, die ihn zur Operette führte.9
Nach der erfolgreichen Uraufführung seiner ersten Operette Tatárjárás 1908 in Budapest übersiedelte er nach Wien; die deutsche Umarbeitung erschien 1909 als Ein Herbstmanöver am Theater an der Wien.10 Mit dem Zigeunerprimas (1912) schuf er einen eigenen Typus der ungarisch geprägten Operette, der gleichwertig neben der Wiener und der Berliner Tradition stand.11
Csárdás, Walzer und schliesslich Charleston
Sein bekanntestes Werk entstand mitten im Weltkrieg. Die Csárdásfürstin wurde am 17. November 1915 im Johann-Strauss-Theater in Wien uraufgeführt, das Libretto stammt von Leo Stein und Béla Jenbach; die Handlung spielt in Budapest und Wien unmittelbar vor Ausbruch des Ersten Weltkriegs.12 Die Arbeit hatte bereits 1914 begonnen, wurde nach Kriegsausbruch unterbrochen und im Sommer 1915 fortgesetzt; ursprünglich war der Titel Es lebe die Liebe vorgesehen, den man wegen Oscar Straus' kurz zuvor herausgekommener Operette Rund um die Liebe fallen liess.13 Der Premiere folgten bis Mai 1917 weitere 533 Aufführungen; schon 1916 wurde das Werk an anderen deutschsprachigen Häusern sowie in Ungarn und Schweden gespielt, 1917 kamen dänische, finnische, polnische und russische Übersetzungen sowie die amerikanische Erstaufführung hinzu.14
Es folgten weitere Welterfolge. Gräfin Mariza wurde am 28. Februar 1924 am Theater an der Wien uraufgeführt, mit einem Libretto von Julius Brammer und Alfred Grünwald.15 Nummern wie "Komm mit nach Varaždin", das Duett "Ich möchte träumen" und Tassilos "Komm, Zigány" wurden zu Ohrwürmern.16 1926 kam Die Zirkusprinzessin am Theater an der Wien heraus, 1921 hatte bereits Die Bajadere am Carl-Theater Premiere gefeiert.17
Bemerkenswert modern ist Die Herzogin von Chicago. Die Operette mit Prolog und Epilog, Libretto erneut von Brammer und Grünwald, wurde am 5. April 1928 im Theater an der Wien uraufgeführt.18 Ihr Reiz liegt in der Spannung zwischen klassischen Wiener Elementen — Walzer, Csárdás, Wienerlied — und dem neu eingeführten Jazz samt Charleston und Foxtrott.19 Ein Jahr nach Kreneks Jonny spielt auf plädiert Kálmán nicht für den Sieg des Jazz, sondern für eine Versöhnung der Kulturen.20
"so ein Charleston ist doch gar nix anderes als amerikanischer Csárdás"
Erbprinz Sandor Boris in "Die Herzogin von Chicago", 192820
Was Kálmán zusammensetzte
Kálmán gilt zusammen mit Franz Lehár und anderen als Begründer der Silbernen Operettenära;21 neben Lehár werden auch Leo Fall und Ralph Benatzky zu diesem Kreis gezählt. Berühmt wurde er vor allem für die Verschmelzung des Wiener Walzers mit dem ungarischen Csárdás.22 Zu den Einflüssen zählen ungarische Volksmusik, die Wiener Tradition eines Johann Strauss Sohn und Franz Lehár und — in den späteren Werken — der amerikanische Jazz; melodisch und polyphon gilt er als Anhänger Puccinis, in der Instrumentierung als Tschaikowski verpflichtet.23
Zwei Automobile nach Zürich
Für die Nationalsozialisten waren sowohl die ungarisch-jüdische Herkunft des Komponisten als auch die seiner erfolgreichen Librettisten Julius Brammer und Alfred Grünwald ein Stein des Anstosses; die Karikatur des schwarzen Saxophonspielers Bobby aus der Herzogin von Chicago wurde ausgerechnet zum Logo der Ausstellung "Entartete Kunst".24 Das Werk verschwand als "entartete" Kunst von den Spielplänen.25
Nach dem "Anschluss" Österreichs 1938 musste Kálmán als Jude Wien verlassen und emigrierte über Zürich zunächst nach Paris, von dort 1940 in die USA.26 Da er ungarischer Staatsbürger war, konnte er im Juni 1938 mit seiner Familie in zwei Automobilen unbehelligt nach Zürich ausreisen; im Oktober ging es weiter nach Paris. Dank diplomatischer Unterstützung entkam die Familie noch nach Kriegsbeginn durch das besetzte Frankreich über Genua; am 28. März 1940 betraten die Kálmáns in New York amerikanischen Boden und übersiedelten drei Monate später nach Hollywood.27
Die Exiljahre blieben künstlerisch schwierig. 1942 schrieb Kálmán mit Lorenz Hart einige Nummern für das geplante, nie vollendete Musical Miss Underground; keiner der Songs wurde je veröffentlicht, Teile der Musik verwendete er 1945 für Marinka wieder.30 In den USA bewährte er sich als Dirigent und Komponist amerikanisch gefärbter Unterhaltungsmusik und wurde vom College of Music in New York mit einem Ehrendoktorat ausgezeichnet.31 Erst 1949 kehrte er nach Europa zurück, besuchte unter anderem Wien und Bad Ischl und liess sich nach einem weiteren New-York-Aufenthalt 1951 endgültig in Paris nieder.32
Ein Ehrengrab und eine Botschafterin
Kálmán war zweimal mit der jüdischen Schauspielerin Vera Makinskaya (eigentlich Marya Mendelsohn, 1907–1999) verheiratet, die sich 1942 von ihm scheiden liess, aber schon ein Jahr später zurückkehrte. Aus der Ehe gingen drei Kinder hervor: Charles Kálmán (1929–2015), Elisabeth Kálmán Daunis (1931–1973), die mit 41 Jahren in Paris ermordet wurde, und Yvonne Kálmán (geboren 1937, gestorben am 7. November 2025).33 Der Sohn Charles trat selbst als Komponist von Operetten und Musicals hervor.34
Sein letztes Werk, die am Broadway orientierte Cowboy-Operette Arizona Lady, an der er seit 1948/49 gearbeitet hatte, vollendete Charles Kálmán; die Uraufführung fand am 1. Januar 1954 postum im Bayerischen Rundfunk statt, die Bühnenuraufführung sechs Wochen später in Bern.35 Kálmán wurde in einem Ehrengrab auf dem Wiener Zentralfriedhof bestattet (Gruppe 31 B, Reihe 12, Nummer 10).36 1955 wurde die Kalmanstrasse in Wien-Hietzing nach ihm benannt, seit 1977 steht ein Denkmal im Wiener Türkenschanzpark und seit 1982 eine Kopie im Kurpark von Bad Ischl; auch der Asteroid (4992) Kálmán trägt seinen Namen.37
Die Wiederentdeckung der weniger bekannten Werke ist jüngeren Datums: Die Herzogin von Chicago wurde erst ab 2003 wieder gespielt,38 und der Renaissance seines Œuvres auf den Bühnen der Welt half seine Tochter Yvonne als unermüdliche Botschafterin seiner Kunst entscheidend nach.39 Mit ihrem Tod 2025 starb die letzte prominente Nachfahrin aus dem Kreis der grossen Operettenkomponisten.40
Anmerkungen
Jede Ziffer führt zurück in den Text (↩), jeder Titel öffnet die Quelle im Web.
- Wikipedia: Emmerich Kálmán (deutsch). ↩
- Kevin Clarke: Emmerich Kálmán, in: Lexikon verfolgter Musiker und Musikerinnen der NS-Zeit (LexM), Universität Hamburg. ↩
- Wikipedia: Emmerich Kálmán, Abschnitt Leben. ↩
- Ebenda; vgl. auch Neue Deutsche Biographie, Eintrag Kálmán, Emmerich. ↩
- Stadt Wien: Emmerich Kálmán, Wien Geschichte Wiki. ↩
- Wikipedia: Emmerich Kálmán (englisch). ↩
- Christa Harten-Flamm: Kálmán, Emmerich, in: Neue Deutsche Biographie 11 (1977), S. 69 f. ↩
- Christian Glanz: Kálmán, Familie, in: Oesterreichisches Musiklexikon online. ↩
- Emmerich Kálmán, Opera World. ↩
- Wikipedia: Emmerich Kálmán, Abschnitt Werke. ↩
- Kálmán, Emmerich (Imre), wissen.de Lexikon. ↩
- Wikipedia: Die Csárdásfürstin. ↩
- Die Csárdásfürstin von Emmerich Kálmán, Bühne-Magazin. ↩
- Wikipedia: Die Csárdásfürstin, Abschnitt Entstehung und Rezeption; zum Uraufführungshaus vgl. Land Niederösterreich: 100 Jahre "Die Csárdásfürstin". ↩
- Wikipedia: Countess Maritza (englisch); vgl. Gräfin Mariza (deutsch). ↩
- Schleswig-Holsteinisches Landestheater: Gräfin Mariza, Werkeinführung. ↩
- Wikipedia: Emmerich Kálmán, Werkliste. ↩
- Wikipedia: Die Herzogin von Chicago. ↩
- Ebenda, Abschnitt Musik. ↩
- Karin Coper: Liaison von Czárdás und Charleston, neue musikzeitung (nmz). ↩
- Wikipedia: Emmerich Kálmán, Einleitung. ↩
- Wikipedia: Emmerich Kálmán (englisch), Abschnitt Style. ↩
- Emmerich Kálmán, Opera World. ↩
- Karin Coper: Liaison von Czárdás und Charleston, nmz. ↩
- Scharoun Theater Wolfsburg: Die Herzogin von Chicago, Stückinformation. ↩
- Wikipedia: Emmerich Kálmán, Abschnitt Exil. ↩
- Kevin Clarke: Charles Kalman, in: LexM, Universität Hamburg; vgl. Operetta Research Center: Farewell, Yvonne Kálmán. ↩
- Wikipedia: Emmerich Kálmán (englisch). Die Angabe ist dort nur knapp belegt und in der deutschsprachigen Fachliteratur nicht gesichert. ↩
- Berliner Zeitung: Franz Lehár — der Operettenkomponist und die Nazigrössen. ↩
- Wikipedia: Emmerich Kálmán, Abschnitt Exil. ↩
- Emmerich Kálmán — Biografie, Planet Vienna. ↩
- Wikipedia: Emmerich Kálmán, Abschnitt Rückkehr nach Europa. ↩
- Ebenda, Abschnitt Familie. Zum Geburtsjahr Yvonne Kálmáns finden sich abweichende Angaben (1936 bzw. 1937). ↩
- Stadt Wien: Emmerich Kálmán, Wien Geschichte Wiki. ↩
- Wikipedia: Emmerich Kálmán, Abschnitt Arizona Lady. ↩
- Stadt Wien: Emmerich Kálmán, Wien Geschichte Wiki. ↩
- Wikipedia: Emmerich Kálmán, Abschnitt Ehrungen. ↩
- Scharoun Theater Wolfsburg: Die Herzogin von Chicago. ↩
- Staatstheater am Gärtnerplatz: Nachruf auf Yvonne Kálmán (1936–2025). ↩
- Operetta Research Center Amsterdam: Farewell, Yvonne Kálmán (1937–2025). ↩
Quellenverzeichnis
Alle Links wurden im Juli 2026 zuletzt aufgerufen.
- LexikonChrista Harten-Flamm: Kálmán, Emmerich. In: Neue Deutsche Biographie, Bd. 11, Berlin 1977 — deutsche-biographie.de
- LexikonKevin Clarke: Emmerich Kálmán. In: Lexikon verfolgter Musiker und Musikerinnen der NS-Zeit (LexM), Universität Hamburg — lexm.uni-hamburg.de
- LexikonKevin Clarke: Charles Kalman. In: LexM, Universität Hamburg — lexm.uni-hamburg.de
- LexikonChristian Glanz: Kálmán, Familie. In: Oesterreichisches Musiklexikon online — musiklexikon.ac.at
- StadtlexikonEmmerich Kálmán. In: Wien Geschichte Wiki der Stadt Wien — geschichtewiki.wien.gv.at
- EnzyklopädieEmmerich Kálmán (deutsch) — de.wikipedia.org
- EnzyklopädieEmmerich Kálmán (englisch) — en.wikipedia.org
- EnzyklopädieDie Csárdásfürstin — de.wikipedia.org
- EnzyklopädieGräfin Mariza (Operette) — de.wikipedia.org · Countess Maritza — en.wikipedia.org
- EnzyklopädieDie Herzogin von Chicago — de.wikipedia.org
- FachpresseKarin Coper: Liaison von Czárdás und Charleston. In: neue musikzeitung — nmz.de
- FachportalFarewell, Yvonne Kálmán. Operetta Research Center Amsterdam — operetta-research-center.org
- TheaterNachruf auf Yvonne Kálmán. Staatstheater am Gärtnerplatz, München — gaertnerplatztheater.de
- TheaterDie Herzogin von Chicago. Scharoun Theater Wolfsburg — theater.wolfsburg.de
- TheaterGräfin Mariza. Schleswig-Holsteinisches Landestheater — sh-landestheater.de
- MagazinDie Csárdásfürstin von Emmerich Kálmán. Bühne-Magazin — buehne-magazin.com
- Archiv100 Jahre "Die Csárdásfürstin". Niederösterreichisches Landesarchiv — noe.gv.at
- PresseFranz Lehár: Der Operettenkomponist und die Nazigrössen. Berliner Zeitung — berliner-zeitung.de
- LexikonKálmán, Emmerich (Imre). wissen.de — wissen.de
- PorträtEmmerich Kálmán — Biografie. Planet Vienna — planet-vienna.com
- PorträtEmmerich Kálmán. Opera World — opera-world.net
Weiterführende Literatur
- Stefan Frey: "Unter Tränen lachen". Emmerich Kálmán. Eine Operettenbiografie. Henschel, Berlin 2003.
- Kevin Clarke: "Im Himmel spielt auch schon die Jazzband". Emmerich Kálmán und die transatlantische Operette 1928–1932. von Bockel, Hamburg 2007.
- Rudolf Österreicher: Emmerich Kálmán. Leben eines Operettenfürsten. Amalthea, Zürich/Leipzig/Wien 1954.
- Julius Bistron: Emmerich Kálmán. Mit einer autobiographischen Skizze der Jugendjahre. Karczag, Wien 1932.
- Martin Trageser: Millionen Herzen im Dreivierteltakt. Die Komponisten des Zeitalters der "Silbernen Operette". Königshausen & Neumann, Würzburg 2020, S. 271–292.
Bildquelle: Per KI koloriert aus folgendem Basisbild:
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